Nea Kavala, Tag zwei, Freitag, 10. August 2018

Mein Terminplan heute:

Treffen aller freiwilligen Helfer
Wäscherei
Gemeinschaftsraum/Sport

 Im Team-Meeting heute Morgen besprechen wir das Vorgehen bei eventuellen Notfällen. Unsere Sicherheit hat immer oberste Priorität, selbst wenn das bedeuten würde, dass Gegenstände oder sogar Gebäude zerstört werden könnten.

Community Space
Foto: Isabel Sevé

Bei Konflikten zwischen Bewohnern mischen wir uns niemals ein.

Volunteers sind immer zu zweit an ihren Einsatzorten und via Facebook-Chat mit der ganzen Gruppe in Kontakt, sodass jeder immer weiß, wo sich alle anderen gerade befinden. Polizei und Militär sind rund um die Uhr vor Ort und falls wirklich einmal etwas passieren sollte, würden wir sofort evakuiert werden.

Diese Vorsichtsmaßnahmen scheinen fast schon ein wenig übertrieben, schließlich wirkt hier alles eher ruhig und friedlich, aber so fühlen wir uns auf jeden Fall sehr sicher.

Nach dem Meeting habe ich wieder Dienst in der Wäscherei. Dies ist ebenfalls ein guter Ort der Kommunikation. Oft setzen sich Leute zu uns, weil sie Zeit haben und ein bisschen Unterhaltung suchen.

Laundry Socialising
Foto: Andrea Koltermann

Außer Niederländisch und Deutsch spreche ich mittelmäßiges Englisch und Französisch, aber das sprechen viele der Flüchtlinge nicht. Mir wird wieder einmal bewusst, wie wichtig es ist, eine gemeinsame Sprache zu sprechen, wenn man verstanden werden will. Arabisch kann ich leider gar nicht, zum Glück aber immer noch fließend Logopädisch. Das ist eine Sprache, bei der man ohne nachzudenken alles, was an Händen und Füßen, Gestik und Mimik zur Verfügung steht, einsetzt und die jeder versteht. Man braucht noch nicht einmal Mund und Ohren dafür. Meine Kolleginnen im Camp und auch die Flüchtlinge amüsieren sich köstlich darüber.

Doch nicht immer geht es nur um Zeitvertreib und Smalltalk.

Eine junge, fließend Deutsch sprechende Frau bittet uns um Hilfe für ihren Mann. Obwohl er kein Flüchtling sei, sondern mit ihr gemeinsam in Deutschland wohne und dort auch arbeite, sei er von der Polizei nach Nea Kavala gebracht worden. Nach einem Unfall auf der Rückreise aus der Türkei habe er schwere Verletzungen und offene Brandwunden. So sei er nicht reisefähig und sein Visum für die Wiedereinreise nach Deutschland müsse er persönlich in der mehr als 530 km entfernten deutschen Botschaft in Athen beantragen. Im Krankenhaus habe man ihn wieder weg geschickt, weil er weder einen griechischen Pass noch eine Aufenthaltsberechtigung vorweisen konnte.

Seine Frau bittet uns darum, seine Bettlaken mit 90 Grad waschen zu dürfen statt mit dem sonst üblichen 40 Grad Buntwaschprogramm, was wir in diesem Fall natürlich sofort einplanen können.

Eine gemeinsame Sprache verbindet!

Das junge Paar hat Glück, dass es im Camp eine ehrenamtlich arbeitende ehemalige Lehrerin gibt, die sich unentgeltlich um Menschen in besonderen Situationen kümmert. Nach einer erklärenden E-Mail an die Deutsche Botschaft heißt es jetzt erst mal abwarten. Ich hoffe für den jungen Mann, dass er auch ohne ärztliche Hilfe durchkommen wird. Besuchen darf ich ihn persönlich nicht.

Irgendwie fühle ich mich den beiden seltsam verbunden, obwohl ich sie gar nicht kenne. Vermutlich, weil sie in Deutschland leben und wir dieselbe Sprache sprechen.

Basteln und Malen
Foto: Andrea Koltermann

Am Nachmittag arbeite ich im Gemeinschaftsraum. Auf dem Programm stehen Gesellschaftsspiele und Basteln für Kinder und am späteren Nachmittag Sport für die Erwachsenen.

Ich erschrecke, wie schwer es für die Kinder ist, sich auf ein Kartenspiel zu konzentrieren. Auch das Spielen mit Bausteinen ist für viele schwer auszuhalten, obwohl sie nicht ungeschickt sind. Mir wird bewusst, dass diese Kinder in den letzten Jahren statt spielen zu lernen Krieg erlebt haben. Da gab es sicherlich keine Kartenspiele und vermutlich hätte niemand die Ruhe gehabt, ihnen so etwas beizubringen.

Baby malt
Foto: Andrea Koltermann

Überrascht hat mich hingegen ein kleines einjähriges Mädchen. Ein Junge setzt mir die Kleine einfach auf den Tisch, auf dem wir gerade Masken basteln. Das Mädchen malt mit einer Stifthaltung, die für einen fünfjährigen lobenswert gewesen wäre, ganz konzentriert große Kreise auf das Papier.

Jetzt ist meine Konzentration gefragt. Eigentlich wollte ich ja aufpassen, dass die Aufkleber, mit denen die Masken verziert werden sollten, als erst als Belohnung fürs Basteln herausgegeben werden. Zu spät, die Alibabas, wie die Jungen sich gerne nennen, haben diese schon stibitzt.

Vier Alibabas und die Aufkleber
Foto: Andrea Koltermann
Tanzen vor dem Drop Shop
Foto: Andrea Koltermann

Abendstimmung in Nea Kavala. Flüchtlinge und Volunteers tanzen vor dem Drop Shop.

Nea Kavala, Tag eins, Donnerstag, 9. Aug. 2018

Mein Terminplan heute:

Einführung
Check-Out Markt
Wäscherei

Heute treffe ich Molly, die Dråpen i Havet Koordinatorin in Nea Kavala. Die neu angekommenen Volunteers erhalten ihre Einführung. Alles ist sehr gut organisiert hier und Sicherheit für Bewohner und Gäste hat immer oberste Priorität. Normalerweise werden alle einzelnen Einsatzorte nach einem rotierenden Plan durchlaufen, sodass jeder Volunteer jedes Angebot kennenlernen kann. Ansonsten ist Molly sehr offen für unsere Ideen und Anregungen.

Wegweiser im Camp
Foto: Andrea Koltermann

Es gibt den Drop Shop, in dem die Camp-Bewohner Second Hand Kleidung und einige Grundnahrungsmittel erhalten. Außerdem gibt eine Wäscherei, einen Nähworkshop, eine Werkstatt, in der Dinge gebaut oder repariert werden und einen Fahrradverleih. Insbesondere während der Schulferien finden Freizeitaktivitäten für alle Altersklassen statt.

Dropshop Nea kavala
Foto: Andrea Koltermann

Mein Arbeitstag beginnt. Als Erstes arbeite ich im Check-Out des Drop Shops. Alle zwei Wochen erhalten die Flüchtlinge eine bestimmte Anzahl an Drops, so nennt sich die Kryptowährung der Organisation Dråpen i Havet.

Neben T-Shirts und Shorts gehören Seife, Waschmittel und Zahnbürsten zu den beliebtesten Artikeln im Shop.

Im Drop Shop herrscht eine fröhliche Stimmung, vor allem die Mädchen haben hier ihren Spaß! Ich kann mir vorstellen, dass es auf einem arabischen Basar ähnlich zugeht.

Sowohl die Kunden als auch die Verkäufer haben eine Menge Spaß hier. Am Check-Out, also der Kasse gibt es immer wieder Diskussionen zwischen den Camp-Bewohnern und den Verkäuferinnen, wenn die Anzahl der Drops nicht für die gewünschten Waren ausreicht. Gerne versuchen sie dann mit uns zu handeln, aber Rabatte sind nicht vorgesehen und unsere PC-App, mit der die Abrechnung der Einkäufe erfolgt, lässt dies auch gar nicht zu. Oft sind wir froh auch einige Volunteers aus den Reihen der Flüchtlinge zu haben, die gerne als Dolmetscher einspringen. Zwei Teenagerinnen schauen mich mit großen dunklen Augen an. Sie möchten gerne noch mehr Kleider kaufen, aber die Punkte der Familie sind verbraucht und sie müssen zwei Wochen warten, bis sie wiederkommen dürfen.

Drop Shop
Foto: Andrea Koltermann

Der Drop Shop ist ein Ort der Kommunikation. Hier spreche ich mit sehr vielen Menschen.

Während der Mittagspause sitzt ein kleiner Junge aus Syrien im Gemeinschaftsraum. Er erzählt mir, dass er nach Deutschland ziehen und dort, wenn er groß ist, Polizist werden möchte.

Ich bringe ihm bei auf Deutsch zu zählen und gebe ihm eine kleine Aufgabe mit. Ich bin gespannt, ob er für weitere Unterrichtsstunden auf mich zukommen wird.

Terminvergabe laundry
Foto: Andrea Koltermann

Am Nachmittag bin ich in der Wäscherei eingesetzt. Unsere Aufgabe ist es, die Vergabe der Waschtermine zu koordinieren. Alle zwei Wochen können die Bewohner der Wohncontainer und Zelte eine von der Anzahl der Familienmitglieder abhängige Anzahl an Maschinenwäschen reservieren. Im EDV-System werden sowohl Reservierung als auch die Nutzung der Maschinen dokumentiert.

Ein junger Mann kommt viele Stunden zu spät mit einem Rucksack voll Wäsche und schimpft, weil wir ihm keinen Ersatz-Termin am selben Tag geben können.

Seine Freunde reden beruhigend auf ihn ein, er erhält einen Termin in der darauffolgenden Woche und schnell ist alles wieder in Ordnung. Andere Camp-Bewohner, die die Situation beobachtet haben, kommen hinterher auf uns zu, um sich für das Verhalten ihres Freundes zu entschuldigen.

Volleyball, Abendstimmung
Foto: Andrea Koltermann

Der Abend scheint die schönste Tageszeit im Camp zu sein.
Aus einer Box, die auf dem Dråpen i Havet Auto steht, kommt Musik. Flüchtlinge und Volunteers spielen Volleyball auf dem großen Gemeinschaftsplatz vor dem Drop Shop. Auch viele Kinder sind dabei, sie spielen mit, toben ausgelassen oder tanzen mit den Volunteers. Die Stimmung hat etwas Besonderes. Obwohl sie in einem Flüchtlingscamp leben und für die meisten der Menschen hier die Zukunft ungewiss ist, scheinen alle diesen Abend sehr zu genießen.

Abendstimmung, Musik
Foto: Andrea Koltermann

Die Anreise, 8. August 2018

Am Flughafen

Bei der Sprengstoffkontrolle ist alles gut gegangen. Auch das Plastikbesteck, welches ich auf Bitten eines Volunteer Kollegen noch schnell eingepackt habe, hielt der Prüfung stand. Ich bin nicht terrorverdächtig.

Hinflug
Foto: Andrea Koltermann

Gleich heben wir ab. Auf der Suche nach neuen Ufern starte ich morgen mein gleichnamiges Projekt.

Ein Paket mit zu klein gewordenen T-Shirts und Shorts meines Sohnes habe ich bereits per Post nach Polycastro geschickt. Das war deutlich günstiger als einen zusätzlichen Koffer einzuchecken und hat den Vorteil, dass ich diesen auch nicht selber tragen muss. Puh, bin ich froh, dass ich jetzt hier im Flugzeug sitze. Dieses Online-Einchecken bei Ryanair ist schon ein Erlebnis, vor allem wenn man zwischendurch einen neuen Personalausweis bekommen hat und mit dem gewohnten Login genau diese Daten nicht ändern kann.

In drei Stunden werde ich in Thessaloniki landen. Einen halben Tag „Urlaub“ will ich mir dort gönnen und dann mit dem Intercity-Bus nach Polycastro weiterfahren.

Anreise
Foto: Andrea Koltermann

Nach einem kurzen Nickerchen werde ich wach und sehe aus dem Fenster Berge unter uns. Die Alpen, sogar Schnee ist auf einigen Gipfeln zu sehen und das im Sommer.

Wie gut es mir geht, denke ich schlaftrunken. Ich reise mit einem sicheren Verkehrsmittel von meinem Land in ein anderes, mir unbekanntes Land und weiß doch, dass ich in zwei Wochen wieder zu Hause bei meiner Familie sein werde, dass alles dort noch so aussehen wird wie heute Morgen als ich mein Zuhause verlassen habe und dass ich dort auch meiner gewohnten Arbeit wieder nachgehen werde.

Wie geht es wohl den Menschen, die auf der Suche nach einem neuen sicheren Leben, nach Arbeit, Essen und Unterkunft in einem völlig überfüllten Gummiboot aufbrechen, ohne Gepäck, mit kleinen Kindern, ohne Ziel und ohne zu wissen, ob sie jemals irgendwo ankommen werden oder ob diese Reise über das Mittelmeer ihre letzte sein wird.

Auf mich warten heute Abend ein Bett in einem netten kleinen Hotel und zwei junge Volunteers, mit denen ich in den kommenden beiden Wochen zusammenarbeiten werde. Sie haben mich gefragt, ob wir heute Abend zusammen essen gehen wollen.

Auch darüber brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Natürlich gehe ich gern mit. Ich habe genug Geld, um abends mal ein Restaurant zu besuchen. Und falls sich herausstellen sollte, dass ich irgendetwas wichtiges vergessen habe einzupacken, dann kann ich mir das sicherlich in Griechenland kaufen.

Ich tippe meine Gedanken in meinen Laptop bis ich hungrig werde. Dann greife ich in meine Tasche nach meiner Brotdose. Wie selbstverständlich das für mich alles ist. Natürlich habe ich ein Butterbrot dabei und sogar zwei Stück Kuchen, die meine Tochter gestern noch gebacken hat.

Ich frage mich, was die Schulung mit den Schwimmwesten sollte. Wir sind doch gar nicht über das Meer geflogen. Seltsame Sicherheitsmaßnahmen gibt es in diesen Fluggesellschaften.

Wir nähern uns unserem Ziel. Ich sehe Häuser mit Swimmingpools im Garten und staune darüber, wie grün das Gras hier ist. In Deutschland und in den Niederlanden ist alles durch die lange Dürre in diesem Sommer vertrocknet und gelb.

Ich sehe das Meer und freue mich, doch sofort muss ich an die vielen Tausend Menschen denken, die hier in diesem Sommer schon auf der Flucht ertrunken sind.

Ich spreche einige Sprachen, doch Griechisch kann ich nicht. Macht nichts denke ich mir, ich war schließlich schon in Japan ohne Japanisch zu können. Und im Camp werde ich mit Menschen zusammen arbeiten, die Arabisch oder Farsi oder ganz andere Sprachen sprechen. Die kann ich auch alle nicht.

Thessaloniki

Ich steige wie alle anderen Leute auch am Flughafen in den Bus Linie X1 nach Thessaloniki und am Bushof wieder aus. Dort frage ich am Kiosk nach Fahrkarten und dem Bus nach Polycastro. Der Verkäufer verweist auf die Busfahrer, aber die sind wohl alle der Hitze entflohen und nicht in ihren Bussen.

Am Bahnhof erfahre ich, dass ich ein paar Haltestellen zu früh ausgestiegen bin und werde freundlich auf Buslinie 45 verwiesen. Der nette Busfahrer öffnet extra nochmal die Tür für mich, obwohl er schon losgefahren war. Nach ein paar Minuten wundere ich mich. Die Strecke kenne ich doch, nur aus der anderen Richtung. Also steige ich wieder aus und gehe erst einmal zum Hafen hinunter. Da wollte ich sowieso irgendwann hin und ich habe ja noch ein paar Stunden Zeit.

Thessaloniki, Hafen
Foto: Andrea Koltermann

Am Hafen kaufe ich mir zwei Kugeln Eis in einem Waffelhörnchen. Zitrone und Walnuss. Ich wundere mich schon wieder. Diesmal darüber, dass das Zitroneneis nach Vanille und das Walnusseis noch Karamell schmeckt. Vielleicht hätte ich doch besser Griechisch lernen sollen statt Englisch und Norwegisch.

Thessaloniki, Hafen
Foto: Andrea Koltermann

Am Bushof spricht mich ein junger Mann an und erzählt mir, dass er aus Syrien käme und gerne in seine Heimat zurückkehren würde, aber dort sei ja immer noch Krieg und alles zerstört. Seine Aufenthaltsgenehmigung sei schon vor zwei Jahren abgelaufen und seitdem müsse er auf der Straße leben. Ich gebe ihm zwei Euro und frage mich, wie das weitergehen soll.

Im Intercity-Bus nach Polycastro staune ich über den guten Zustand der Straße. Wir fahren auf eine malerische Kulisse aus Bergen zu. Ich bin gespannt, was mich in den nächsten fünfzehn Tagen hier erwarten wird.

Polycastro, Blick vom Balkon
Foto: Andrea Koltermann

Polycastro

Der Blick vom Balkon im Hotel Astro ist auf jeden Fall schon einmal vielversprechend.