Nea Kavala‚ Tag sieben, Mittwoch, 15. August 2018

Mein Terminplan heute

Englisch für Frauen
Nähworkshop
Gartenprojekt

Nähmaschine
Foto: Andrea Koltermann

Leider hat heute Nacht jemand in unseren Drop Shop eingebrochen und Nähmaschinen gestohlen. Die im Camp diensthabende Polizei und das Militär haben nichts mitbekommen. Die von Voluntären und Flüchtlingen selbst gezimmerten Gebäude sind nicht gut gegen Einbruch gesichert.
Ein afrikanischer Flüchtling bringt fachmännisch einen neuen Riegel an unserer Tür an. Helfende Hände sind hier im Camp immer zugegen. Wir sind traurig über den Einbruch, aber sehr dankbar über den Zusammenhalt hier in Nea Kavala. Der  Nähworkshop fällt heute allerdings aus.

Foto: Andrea Koltermann

Auch heute ist das Ziel des Gartenprojektes Spaß zu haben. Erst sind die Kinder etwas zurückhaltend, dann graben sie riesige Löcher in die sandige Erde, die sie dann mit Wasser füllen und bauen Burgen oder eher Berge.  Am Ende des Tages sitzen vier Kinder auf der Spüle und waschen sich Sand von Armen und Beinen und teeilweise aus ihren T-shirts und helfen ihren jüngeren Geschwistern dabei. Dieses Sauberkeitsbedürfnis überrascht und beeindruckt mich sehr. Die Kinder wollen Ihren Müttern keine Arbeit mit schmutziger Wäsche machen.

Gießkannen, Gartenprojekt
Foto: Andrea Koltermann

Kinder in einem Flüchtlingslager

Die meisten der Kinder sind motorisch recht geschickt, muss ich beobachten. In ihrer sonstigen Entwicklung scheinen sie mir eher verzögert. Sie müssen erst einmal lernen, zu spielen. Spielzeug scheinen sie kaum zu besitzen. Oft ziehen sie durch das Camp und beobachten die Erwachsenen. Leider gibt es aber hier nicht viel interressantes oder lehrreiches zu sehen.

My roommate
Foto: Andrea Koltermann

Heute verläßt meine gute Freundin und Zimmergenossin Nea Kavala und fliegt zurück nach Norwegen. In vielen langen Gesprächen haben wir uns an den Abenden über unsere Erfahrungen hier ausgetauscht. Arbeiten als Volunteer ist nicht immer leicht, aber wir sind uns einig, dass es auch für uns eine wertvolle Erfahrung ist. Ich werde sie vermissen.

Dropen i Havet sucht dringend Volunteers. In diesem Video erzählen  Volunteers, was ihnen die Arbeit in Nea Kavala gebracht hat.
https://www.facebook.com/drapenihavet/videos/164763401111932/

Volunteering at Nea Kavala – Video

Nea Kavala‚ Tag sechs, Dienstag, 14. August 2018

Mein Terminplan heute:

Englisch für Frauen
Wäscherei
Gartenprojekt

Ein Freund hat mich gebeten, das Leben im Camp und die Zukunftsperspektiven der Menschen hier zu beschreiben.

Das Flüchtlingscamp kann man sich wie ein kleines Dorf vorstellen.

An einem aufgrund ungünstiger Winde nie in Betrieb genommenen Flughafenrollfeld stehen derzeit etwa 160 Container, in denen jeweils vier bis sechs Personen zusammen leben. Eingerichtet sind die Container mit Schlafplätzen und einer Kochstelle.

Rollfeld Nea Kavala
Foto: Andrea Koltermann

Vor einigen Wochen wurde das Lager um ein großes Zelt ergänzt. Die einzelnen Wohneinheiten sind in Parzellen abgetrennt. Kochstellen gibt es hier nicht. Im Flüchtlingscamp in Nea Kavala leben zur Zeit etwa 750 Personen.

Armeezelt
Foto: Andrea Koltermann

Während ich im Camp ein paar Fotos von der Morgenstimmung mache, spricht ein Mann aus dem Irak mich an. Er erzählt mir, wie schwer es sei, im Camp zu leben. Es sei trostlos hier und die medizinische Versorgung sehr schlecht. Er zeigt mir viele entzündete Mückenstiche an seinen Armen. Seit mehr als zwei Jahren warte er bereits auf seine Papiere, die ihm ermöglichten, das Camp zu verlassen.
Wenn ich wüsste wie, dann würde ich ihm helfen.

Syrische Künstler haben die Fronten der Dusch- und Toilettengebäude angemalt, um ein bisschen Farbe in die triste Welt des Flüchtlingscamps zu bringen.

Waschräume
Foto: Andrea Koltermann

Ich werfe einen Blick in eines der Duschgebäude. Diese werden regelmäßig gründlich gereinigt, sind aber ziemlich schäbig. Die Wasserhähne wackeln und sämtliche Abflussrohre sind undicht. An einer Spüle fehlt das Abflussrohr ganz, sodass das Wasser einfach auf den Boden läuft.

Ein Installateur hätte hier eine Menge zu tun, aber ich habe nie jemanden daran arbeiten sehen. Ich vermute, dass sich niemand dafür zuständig fühlt, dies zu organisieren oder dass schlichtweg das Geld dafür fehlt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass das 2015 errichtete Camp nur als Notlösung und nicht für die Dauer gedacht war.

Vermutlich ist auch wegen dieses temporären Gedankens keine einzige Blume im Lager angepflanzt worden.

Women's Space, English class
Foto: Andrea Koltermann

Heute arbeite ich zum zweiten Mal im Womens’s Space. Englisch-Anfängerkurse nur für Frauen werden an sechs Tagen pro Woche angeboten. Die Kurse für die Fortgeschrittenen finden in gemischten Gruppen statt. Leider werden diese nur von wenigen Frauen besucht, da die Männer ihren Frauen den Besuch gemischter Veranstaltungen oft nicht erlauben.

„Ich liebe den Englischunterricht im Women’s Space.“

Am Nachmittag arbeite ich wieder in der Wäscherei. Dies ist einer meiner Lieblingsjobs hier in Nea Kavala. Wie in den vergangenen Tagen kommen immer wieder Leute, vor allem junge Männer zu uns, um sich mit mir und meinen Volunteer-KollegInnen zu unterhalten. Ein junger Syrer versucht über eine Übersetzungsapp in seinem Smartphone mit uns zu kommunizieren. Die Idee finde ich gut, aber die Übersetzungen ergeben oft keinen Sinn.

Treffpunkt Laundry
Foto: Andrea Koltermann

Die klassische Kommunikation mit den Menschen, die wir hier kennenlernen beginnt meist mit Smaltalk. Wie geht es dir? Gut! Und dir? Gut! Wo kommst du her? Wie lange bist du schon hier?

Wenn man die Menschen etwas besser kennt und man eine gemeinsame Sprache zum Beispiel Englisch oder Französisch spricht, dann erzählen die Menschen gern von ihren Familien. Ich erzähle dann auch von meinen beiden erwachsenen Kindern und mir wird jedes Mal wieder bewusst, wie ungerecht es in dieser Welt zugeht.

Ein junger Mann setzt sich neben mich und bittet mich, ihm bei seinen Englisch-Hausaufgaben zu helfen. Die Aussprache richtig zu lernen ist ihm sehr wichtig.

Allmählich fange ich an, die Menschen hier sehr ins Herz zu schließen. Alle sind so herzlich. Es leben viele Kinder hier und sehr viele junge Männer im Alter meines Sohnes.

Hausaufgaben
Foto: Andrea Koltermann

Ich bin mir sicher, dass viele der jungen Männer in Deutschland eine Arbeit finden würden, wenn sie ein Visum hätten. Sie sind alle sehr freundlich, motiviert, haben Zukunftspläne, aber derzeit kaum eine Chance ihrer Situation zu entkommen.

Die großen Unterschiede zwischen den jungen Menschen hier und meinen eigenen Kindern ist, dass meine in Deutschland eine sichere Kindheit hatten und jetzt ihren Lebensweg selbst bestimmen können.

Sibirische Winde sorgen für eiskalte Winter in Griechenland. Unzählige neu auf den Inseln ankommende Flüchtlinge brauchen dringend warme Decken. Bereits 1000 Decken konnten diesen Herbst schon durch Spenden auf folgendes Konto gekauft werden:

 https://www.facebook.com/donate/1959933580764422/10217188784373006/