Nea Kavala‚ Tag zehn, Samstag, 18. August 2018

Mein Terminplan heute:

Waren sortieren im Lager
Nähworkshop
Cyber-Workshop im Women’s Space
Feelings Meeting

Nachdem wir neue Kleiderspenden sortiert und genau in unserer PC-App dokumentiert haben, was wo zu finden ist, helfe ich im Nähworkshop.
Dank einer großzügigen Spende aus einem Haushaltswarenladen in Polycastro haben wir nach dem Einbruch vor zwei Tagen jetzt wieder vier Nähmaschinen zur Verfügung. Menschen kommen mit den unterschiedlichsten Näharbeiten zu uns. Heute sind es zwei Frauen und acht Männer.
Arabische Musik ertönt aus einem Handy. Zwei Männer kürzen Hosen. Die Stimmung ist geschäftig.

Näh-Workshop 1
Foto: Andrea Koltermann

Ein Ehepaar fragt nach Gummiband. Leider haben wir keines da. Ein junger Mann sucht weißes Nähgarn statt dem schwarzen. Damit kann ich aushelfen. Er strahlt er mich an und gibt das Garn an den ausgebildeten kurdischen Scheider weiter. Ein Mann näht eine abgerissene Hemdentasche wieder fest. Bettlaken werden auf die gewünschte Größe zugeschnitten und neu umsäumt. Ein Mann lässt sich aus einem nicht mehr tragbaren Hemd einen Wandbehang für seinen Container schneidern. Die Menschen hier im Camp gehen sehr sparsam und kreativ mit dem wenigen um, was sie besitzen.

Näh-Workshop 1
Foto: Andera Koltermann

Auch die Nähstube ist eine Art Socializing Treff.

Ein aufgerissenes Kissen wird geflickt, ein viel zu großer Pullover enger genäht. Oft ist die aus Westeuropa gespendete Männerkleidung zu groß für die Männer aus Syrien und der Türkei.
Ein junger Mann kommt mit einer Tüte herein. Ich frage, ob ich ihm helfen kann. Er gibt mir zu verstehen, dass er mit Nähmaschinen umgehen kann. Inbe in seiner Heimat habe er eine Ausbildung zum Schneider angefangen und diese nach 8 Monaten wegen der Flucht vor dem Krieg abgebrochen. Er weiß mit Nadel und Faden umzugehen, ist nicht so geübt und flink wie die Erwachsenen Schneider, gibt sich aber mit großer Freude an die Ausbesserungsarbeiten für die Kleidung eines befreundeten Campbewohners. Das Ergebnis seiner Arbeit kann sich sehen lassen.
Ein Mann erzählt mir, dass er in Syrien in einer Fabrik Knöpfe an Hemden angenäht hat. Gern würde er lernen, mit einer Nähmaschine umzugehen. Aus einem übriggebliebem Stoffrest schneide ich kleine Putzlappen für den Kindergarten. Dann fragt er mich, ob jemand ihm wohl etwas kürzen könne. Wir fragen einen der gelernten kurdischen Schneider, der ihm gerne hilft. Auch wenn die Menschen aus unterschiedlichen Ländern und aus unterschiedlichen Gründen hier sind, so ist in der Community doch immer wieder ein gutes Miteinander zu sehen. Es ist ein Dorf, in dem die Menschen hier zusammenleben, auch wenn die Fluktuationsrate sehr hoch ist.
Nach einer Zeit des Zusehens setzt er sich selbst an eine Nähmaschine. Der kurdische Lehrling hilft ihm dabei. Ganz stolz präsentiert er seine erste selbstgemachte Naht.

Es ist deutlich zu sehen und zu spüren, wie gut es den Menschen tut, wieder eine sinnvolle Arbeit auszuüben, auch wenn sie jetzt hier kein Geld dafür erhalten, sondern genau wie wir auch als Volunteer arbeiten.

Nähmaschine, weiß pink
Foto: Andrea Koltermann

Die Kinder haben in der Nähstube nichts zu suchen, wir schicken sie weg. Heute herrscht in dem Raum, der sonst als Schule dient, Kinderverbot.
Für den Jugendlichen, der vorsichtig durch die Tür hineinschaut und auf seinen platten Fahrradreifen zeigt, finde ich im Nebenraum eine Pumpe.

Unterhalten können wir uns mit den Flüchtlingen nur wenig, weil sie kaum englisch sprechen. Aber auch meine Englischkenntnisse zum Thema Nähen und Textilien sind eher rudimentär, also kommunizieren wir wie so oft in Zeichensprache. Es ist schwer, anstrengend, aber es geht!

Näh-Workshop 4
Foto: Andrea Koltermann

Ich werde hungrig, habe seit Stunden nichts mehr gegessen. Bei dem von einem Flüchtling betriebenen kurdischen Imbiss hier im Camp hole ich mir süßes Gebäck und einen Eiskaffee Frappé. Die Zubereitung ist sehr einfach: ein Löffel Nesscafépulver wird mit einem Drittel Becher eiskaltem Wasser verrührt und dann aufgeschäumt. Das schmeckt erstaunlich lecker und ist deutlich erfrischender bei der Hitze als ein heißer Kaffee.

Um vier Uhr stehen einige Frauen meines Englischkurses vor der Tür. Sie sind aufgeregt. Gleich haben sie in der Bücherei nebenan ihren Sprachtest. Wer besteht, darf am Montag zu Kurs Level zwei wechseln.

Wenn sie bestehen, bedeutet das für mich, dass ich sie am Montag nicht mehr in meinem Kurs sehen werde, sondern eine neue Gruppe betreuen darf. Schön und schade zugleich. Ich habe „meine Frauen“ sehr ins Herz geschlossen.

Mein Cyber-Workshop im Women Space fällt heute Abend aus, einerseits finde ich das schade, andererseits ist das Arbeiten mit dem Internet nicht meine Stärke, also bin ich nicht wirklich traurig.

Dieselbe Sprache zu sprechen macht die Kommunkation zwischen Menschen leichter!

Jeden Samstagabend treffen die Volunteers sich in Polycastro zum Feeling Meeting. Wir erhalten zwei Fragen, die wir in der Runde beantworten sollen. Was war unser Highlight diese Woche und was hat uns nachdenklich gemacht?

Mein Highlight dieser Woche war, dass so viele Frauen aus meinem Workshop am Englisch-Test teilgenommen haben. Ich bin glücklich darüber, dass sie so motiviert sind.

Sehr nachdenklich hat mich gemacht, dass wir Schuhregale im Shop streichen, während aufgrund unzureichender medizinischer Versorgung Menschen hier im Camp an Wundinfektionen und Lungenerkrankungen fast sterben.

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