Nea Kavala‚ Tag neun, Freitag, 17. August 2018

Mein Terminplan heute:

Anstreichen im Drop Shop
Wäscherei

Die Sommer in Griechenland sind sehr heiß. 32 Grad sind es im August oft schon am Vormittag. Die Menschen sitzen gern im Schatten zwischen ihren Containern.

Schatten zwischen Containern
Foto: Andrea Koltermann

Auch Cookie, einer der im Camp lebenden Hunde mag Schatten. Flüchtlinge und Volunteers kümmern sich tagsüber um ihn und versorgen ihn mit Wasser und Futter. Nachts schläft er wie ein Fuchs in einer Höhle, die er sich am Rande des Geländes im sandigen Boden selbst gegraben hat. Leider hat er eine Hautkrankheit, die ihn sehr zu quälen scheint. Er tut uns sehr leid, aber niemand von uns kann ihm helfen.

Cookie
Foto: Isabel Sevé

So wie die meisten Menschen lieben auch viele Flüchtlinge Shopping. Im Drop Shop haben sie alle zwei Wochen die Chance, sich für eine bestimmte Anzahl an Drops eine halbe Stunde lang Kleidung und zusätzliche Nahrungsmittel auszusuchen. Viel ist es nicht, aber es reicht zum Leben. Wir freuen uns, dass wir den Menschen zu ein paar glücklichen Momenten verhelfen können.

Den Menschen hier eine STIMME geben, das ist der Grund warum ich hier bin. Menschen die wenig oder nichts zu SAGEN haben, denen niemand zuhört.
Was ist eigentlich Kommunikation? Das frage ich mich immer wieder. Was bedeutet es, SPRECHEN zu können, etwas zu SAGEN zu haben, eine gemeinsame SPRACHE zu beherrschen?
Hier im Flüchtlingscamp in Nea Kavala werden viele Sprachen gesprochen, arabisch, türkisch, farsi, afrikanische Sprachen, manche Menschen sprechen französisch, englisch oder deutsch, mit vielen Menschen können wir mittels Gestik und Mimik kommunizieren oder es kommt jemand und hilft beim Übersetzen. Irgendwie funktioniert es. Doch wenn ich mir vorstelle, Menschen ohne Sprachkenntnisse sollten sich hier in Griechenland oder einem anderen westeuropäischen Land um einen Arbeitsplatz bewerben,… das wird sicher schwer. Dann die kulturellen Unterschiede…
Immer wieder mache ich mir diese Gedanken. Hier zwei Wochen lang Englischunterricht zu geben ist sicherlich gut, doch wie wird es für die Menschen weiter gehen? Wäre nicht griechisch sinnvoller, oder endlich Frieden in Ländern wie Syrien, Afganistan, Jemen?
Während ich diesen schweren Gedanken nachgehe streiche ich das Kinder-Schuh-Regal im Shop blau und grün und male ein paar Blumen darauf. Ist das nicht auch eine Art von Kommunikation? So können wir wenigstens den Kindern zeigen, dass sie hier willkommen sind…

Schuhregal
Foto: Andrea Koltermann

Eine Frau erzählt mir, ihr Sohn habe Bauchschmerzen. EIn paar andere Campbewohner hatten gestern auch schon darüber geklagt. Wir beschließen, nur noch gekauftes Wasser zu trinken. Möglicherweise ist das Trinkwasser hier verunreinigt. Wir sind froh, dass wir dieses im Supermarkt nebenan kaufen können.

EIne junge Frau klagt über Asthma. Ich überlege, ob ich einen Atemkurs organisieren soll, doch das läßt sich aus organisatorischen Gründen auf die Schnelle nicht realisieren.

In der Wäscherei komme ich mit einem Geografielehrer aus der Republik Kongo ins Gespräch. Seit zwei Jahren wartet er jetzt auf seine Papiere. Er möchte nach Frankreich, dort einen Studienabschluss machen und seine beiden noch in Afrika lebenden minderjährigen Töchter nachreisen lassen. Im Camp arbeitet er unentgeltlich als Dolmetscher für das griechische rote Kreuz.

Laundry
Foto: Andrea Koltermann

Auf einem Feld in unmittelbarer Nähe zum Camp verbrennt ein Bauer Grünabfälle. Das Feuer wird immer größer, aber das scheint ihm keine Sorgen zu bereiten. In Sichtweite fährt er mit seinem Traktor über das Feld. Die Campbewohner hingegen werden unruhig. Besorgt stehen sie zwischen ihren Behausungen und beobachten die Situation. Noch weht der Wind in die entgegengesetzte Richtung. Ich stelle mir vor, wie schnell sich ein Feuer hier zwischen den Containern ausbreiten würde. Wir haben Sommer und es hat seit Wochen nicht geregnet. Viele Anbauten sind aus Holz. Woraus die Container bestehen weiß ich gar nicht. Ob die wohl auch brennen könnten? Vermutlich schon. Ich kann die Angst der Menschen hier gut verstehen. Alles was sie und ihre Familienmitglieder noch besitzen befindet sich in den Containern und Zelten hier in Nea Kavala. Ich kann meine Tasche nehmen und das Camp verlassen, bin auch schon kurz davor, das zu tun, aber mein Kollege beruhigt mich.

Die diensthabenden Polizisten hier im Camp kommen irgendwann, um die Bewohner zu beruhigen. Die Feuerwehr wird erst eine Stunde später alarmiert und braucht dann recht lange, bis das Feuer komplett gelöscht ist.

Warme Decken für Nea Kavala, Spenden Können sie Hier:

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Nea Kavala‚ Tag acht, Donnerstag, 16. August 2018

Freier Tag

An unserem freien Tag fahren eine Lehrerin aus Katalonien und ich mit dem Intercity-Bus nach Thessaloniki. An der Bushaltestelle in Polycastro treffen wir drei junge Männer aus unserem Camp, die wegen ihres Asylantrages auch dorthin zu einem Interview müssen.

Hafen von Thessaloniki
Foto: Andea Koltermann

Wir besuchen den Hafen, einige römische Gebäude aus der Römerzeit und eine typische Markthalle.

Foto: Andrea Koltermann
Thessaloniki
Foto: Andrea Koltermann

Ein Kollege aus Deutschland hat mir in einer E-Mail eine ganze Reihe an Fragen gestellt. Bei einer Tasse Kaffee am Hafen versuche ich diese jetzt zu beatworten:

Welche Hilfeleistungen können NGOs den Menschen in einem Camp in Griechenland bieten?

Was wir tun können, ist den Menschen den Alltag ein bisschen leichter und angenehmer zu gestalten. An sechs Tagen pro Woche helfen Dråpen I Havet Volunteers bei der Verteilung frischer Lebensmittel und verkaufen gespendete Kleidung. Die Bewohner erhalten regelmäßig eine bestimmte Anzahl an Drops, einer von Dråpen I Havet eigens dafür kreierten Kryptowährung, mit der sie im Drop Shop bezahlen können.

Lebensmittel
Foto: Andrea Koltermann

Auch die Wäscherei und der Nähworkshop sind sehr beliebte Angebote.
An den Sommerabenden finden Sportveranstaltungen wie Volleyball auf dem großen Gemeinschaftsplatz statt.

Fahrradverleih
Foto: Andrea Koltermann

Ein Fahrradverleih ermöglicht den geflüchteten Menschen mehr Mobilität. Wer zuvor eine Fahrradschulung abgelegt hat, kann sich ein Fahrrad ausleihen. Einige Frauen müssen erst einmal Radfahren lernen. Nach maximal drei Stunden müssen die Fahrräder wieder im Camp oder an der zweiten Fahrradstation in Polycastro abgegeben werden. Viele Flüchtlinge nutzen das Angebot, um zu ihren Sprachkursen nach Polycastro zu fahren. Für die Kinder gibt es leider keine Fahrräder.

Reparaturwerkstatt
Foto: Andrea Koltermann

Im Reparaturworkshop steht Werkzeug zur Verfügung und dank der Hilfe einiger guter Handwerker unter den Flüchtlingen wird fachkundig alles repariert, was noch brauchbar ist.

We Are Here 2
Foto: Andrea Koltermann

Die meisten dieser Bauten hier im Camp sind in den vergangenen zwei Jahren von Flüchtlingen und Volunteers gemeinsam errichtet worden.

We Are Here
Foto: Andrea Koltermann

Die mit Dråpen I Havet eng kooperierende Organisation We Are Here betreibt eine Kinderbetreuung, Sportaktivitäten für Kinder und Erwachsenen und Englischunterrricht und Yogakurse für Frauen.

Des Weiteren gibt es Spielangebote für die Kinder, die in ihrer Vergangenheit oft keine Chance hatten, überhaupt spielen zu lernen.
Auch das Gartenprojekt gehört zu den sehr beliebten Angeboten.
In einer Bücherei können die Flüchlinge zweimal wöchentlich Bücher ausleihen.

ChildrensFriemdlyPlace
Foto: Isabel Sevé

Im sogenannten Childrens Friendly Place, in dem Kinder erst einmal lernen sollen Vertrauen aufzubauen, spielen eine junge griechische Sozialarbeiterin und einige Volunteers regelmäßig mit ihnen.

Sprechen die Menschen schon ein bisschen englisch oder deutsch?

Manche sprechen recht gut englisch, einige auch deutsch, aber viele der Menschen sind erst kurz hier und sprechen keine unserer westeuropäischen Sprachen. In vielen Ländern wird englisch in den Schulen gelehrt, doch bedingt durch die Kriege sind vielen Kinder und Jugendlichen wertvolle Schuljahre entgangen.

Welches sind die Perspektiven der Menschen. Werden sie in das Camp und Griechenland verlassen können, um in einem anderen Land zu leben?

Einige Flüchtlinge haben mir erzählt, dass sie nach Deutschland ziehen möchten, oder nach Frankreich, nach Schweden oder auch in andere Länder Europas, doch dazu bräuchten sie ein Visum. Zunächst einmal müssten sie als illegal Eingewanderte ihren Asylantrag in Griechenland stellen, um überhaupt bleiben zu können. Wenn ich mir die aktuelle politische Lage in Europa ansehe, dann sind die Zukunftsaussichten nicht rosig. In Griechenland gibt es kaum Arbeitsplätze, die Sozialhilfe ist mit 150 Euro pro Person für einen Erwachsenen extrem niedrig und ein Einreisevisum für ein anderes europäisches Land derzeit kaum zu erhalten.

Ein muskulös wirkender junger Mann hat mir erzählt, er hätte am Hafen von Thessaloniki für einen Tageslohn von 13 Euro gearbeitet. Nach einigen Monaten musste er diesen körperlich sehr harten Job aufgeben. Den ganzen Tag in der Hitze zu arbeiten und von dem Geld nicht leben zu können hätte er nicht mehr ausgehalten. Einige Firmen in Griechenland scheinen Menschen in Not sehr auszunutzen. Tatsächlich unterscheiden sich die Preise in Thessaloniki kaum von denen in Deutschland stelle ich fest. In Polycastro ist zumindest das Essen im Restaurant etwas günstiger als in der Großstadt.

Derzeit kann niemand voraussagen, ob die Menschen tatsächlich Asyl in Griechenland erhalten werden oder ob sie doch irgendwann in ein anderes Land ausreisen dürfen. Manche warten seit zwei Jahren oder länger. Ein Mann hat mir erzählt, er sei bereits bei sieben Interviews in Thessaloniki gewesen und habe noch immer keine Antwort erhalten.

Ist es frustrierend in diesem Camp zu arbeiten oder hast du das Gefühl, das deine Arbeit etwas bringt?

Manchmal ist es sehr frustrierend, vor allem wegen der Perspektivlosigkeit. Ob meine Arbeit hier etwas bringt, ja das frage ich mich oft. Wenn ich mir dann jedoch ansehe, was NGOs mit Hilfe von Spendengeldern und freiwilligen Helfern aus aller Welt innerhalb von zwei Jahren aufgebaut haben, dann sehe ich, wie wertvoll jeder Handgriff hier ist. Jeder gibt einen Tropfen Hilfeleistung hinzu, das genau entspricht der Philosophie von Drapen i Havet.

Nea Kavala vor zwei Jahren:

1500 Menschen in notdürftigen Zelten ohne fließendes Wasser, kein Geld für Kleidung…

Seit ich diesen Bericht gelesen habe, verstehe ich wie wertvoll unsere Arbeit hier ist.

http://travellingbureau.blogsport.eu/2016/07/24/nea-kavala/

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Nea Kavala‚ Tag sieben, Mittwoch, 15. August 2018

Mein Terminplan heute

Englisch für Frauen
Nähworkshop
Gartenprojekt

Nähmaschine
Foto: Andrea Koltermann

Leider hat heute Nacht jemand in unseren Drop Shop eingebrochen und Nähmaschinen gestohlen. Die im Camp diensthabende Polizei und das Militär haben nichts mitbekommen. Die von Voluntären und Flüchtlingen selbst gezimmerten Gebäude sind nicht gut gegen Einbruch gesichert.
Ein afrikanischer Flüchtling bringt fachmännisch einen neuen Riegel an unserer Tür an. Helfende Hände sind hier im Camp immer zugegen. Wir sind traurig über den Einbruch, aber sehr dankbar über den Zusammenhalt hier in Nea Kavala. Der  Nähworkshop fällt heute allerdings aus.

Foto: Andrea Koltermann

Auch heute ist das Ziel des Gartenprojektes Spaß zu haben. Erst sind die Kinder etwas zurückhaltend, dann graben sie riesige Löcher in die sandige Erde, die sie dann mit Wasser füllen und bauen Burgen oder eher Berge.  Am Ende des Tages sitzen vier Kinder auf der Spüle und waschen sich Sand von Armen und Beinen und teeilweise aus ihren T-shirts und helfen ihren jüngeren Geschwistern dabei. Dieses Sauberkeitsbedürfnis überrascht und beeindruckt mich sehr. Die Kinder wollen Ihren Müttern keine Arbeit mit schmutziger Wäsche machen.

Gießkannen, Gartenprojekt
Foto: Andrea Koltermann

Kinder in einem Flüchtlingslager

Die meisten der Kinder sind motorisch recht geschickt, muss ich beobachten. In ihrer sonstigen Entwicklung scheinen sie mir eher verzögert. Sie müssen erst einmal lernen, zu spielen. Spielzeug scheinen sie kaum zu besitzen. Oft ziehen sie durch das Camp und beobachten die Erwachsenen. Leider gibt es aber hier nicht viel interressantes oder lehrreiches zu sehen.

My roommate
Foto: Andrea Koltermann

Heute verläßt meine gute Freundin und Zimmergenossin Nea Kavala und fliegt zurück nach Norwegen. In vielen langen Gesprächen haben wir uns an den Abenden über unsere Erfahrungen hier ausgetauscht. Arbeiten als Volunteer ist nicht immer leicht, aber wir sind uns einig, dass es auch für uns eine wertvolle Erfahrung ist. Ich werde sie vermissen.

Dropen i Havet sucht dringend Volunteers. In diesem Video erzählen  Volunteers, was ihnen die Arbeit in Nea Kavala gebracht hat.
https://www.facebook.com/drapenihavet/videos/164763401111932/

Volunteering at Nea Kavala – Video

Nea Kavala‚ Tag sechs, Dienstag, 14. August 2018

Mein Terminplan heute:

Englisch für Frauen
Wäscherei
Gartenprojekt

Ein Freund hat mich gebeten, das Leben im Camp und die Zukunftsperspektiven der Menschen hier zu beschreiben.

Das Flüchtlingscamp kann man sich wie ein kleines Dorf vorstellen.

An einem aufgrund ungünstiger Winde nie in Betrieb genommenen Flughafenrollfeld stehen derzeit etwa 160 Container, in denen jeweils vier bis sechs Personen zusammen leben. Eingerichtet sind die Container mit Schlafplätzen und einer Kochstelle.

Rollfeld Nea Kavala
Foto: Andrea Koltermann

Vor einigen Wochen wurde das Lager um ein großes Zelt ergänzt. Die einzelnen Wohneinheiten sind in Parzellen abgetrennt. Kochstellen gibt es hier nicht. Im Flüchtlingscamp in Nea Kavala leben zur Zeit etwa 750 Personen.

Armeezelt
Foto: Andrea Koltermann

Während ich im Camp ein paar Fotos von der Morgenstimmung mache, spricht ein Mann aus dem Irak mich an. Er erzählt mir, wie schwer es sei, im Camp zu leben. Es sei trostlos hier und die medizinische Versorgung sehr schlecht. Er zeigt mir viele entzündete Mückenstiche an seinen Armen. Seit mehr als zwei Jahren warte er bereits auf seine Papiere, die ihm ermöglichten, das Camp zu verlassen.
Wenn ich wüsste wie, dann würde ich ihm helfen.

Syrische Künstler haben die Fronten der Dusch- und Toilettengebäude angemalt, um ein bisschen Farbe in die triste Welt des Flüchtlingscamps zu bringen.

Waschräume
Foto: Andrea Koltermann

Ich werfe einen Blick in eines der Duschgebäude. Diese werden regelmäßig gründlich gereinigt, sind aber ziemlich schäbig. Die Wasserhähne wackeln und sämtliche Abflussrohre sind undicht. An einer Spüle fehlt das Abflussrohr ganz, sodass das Wasser einfach auf den Boden läuft.

Ein Installateur hätte hier eine Menge zu tun, aber ich habe nie jemanden daran arbeiten sehen. Ich vermute, dass sich niemand dafür zuständig fühlt, dies zu organisieren oder dass schlichtweg das Geld dafür fehlt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass das 2015 errichtete Camp nur als Notlösung und nicht für die Dauer gedacht war.

Vermutlich ist auch wegen dieses temporären Gedankens keine einzige Blume im Lager angepflanzt worden.

Women's Space, English class
Foto: Andrea Koltermann

Heute arbeite ich zum zweiten Mal im Womens’s Space. Englisch-Anfängerkurse nur für Frauen werden an sechs Tagen pro Woche angeboten. Die Kurse für die Fortgeschrittenen finden in gemischten Gruppen statt. Leider werden diese nur von wenigen Frauen besucht, da die Männer ihren Frauen den Besuch gemischter Veranstaltungen oft nicht erlauben.

„Ich liebe den Englischunterricht im Women’s Space.“

Am Nachmittag arbeite ich wieder in der Wäscherei. Dies ist einer meiner Lieblingsjobs hier in Nea Kavala. Wie in den vergangenen Tagen kommen immer wieder Leute, vor allem junge Männer zu uns, um sich mit mir und meinen Volunteer-KollegInnen zu unterhalten. Ein junger Syrer versucht über eine Übersetzungsapp in seinem Smartphone mit uns zu kommunizieren. Die Idee finde ich gut, aber die Übersetzungen ergeben oft keinen Sinn.

Treffpunkt Laundry
Foto: Andrea Koltermann

Die klassische Kommunikation mit den Menschen, die wir hier kennenlernen beginnt meist mit Smaltalk. Wie geht es dir? Gut! Und dir? Gut! Wo kommst du her? Wie lange bist du schon hier?

Wenn man die Menschen etwas besser kennt und man eine gemeinsame Sprache zum Beispiel Englisch oder Französisch spricht, dann erzählen die Menschen gern von ihren Familien. Ich erzähle dann auch von meinen beiden erwachsenen Kindern und mir wird jedes Mal wieder bewusst, wie ungerecht es in dieser Welt zugeht.

Ein junger Mann setzt sich neben mich und bittet mich, ihm bei seinen Englisch-Hausaufgaben zu helfen. Die Aussprache richtig zu lernen ist ihm sehr wichtig.

Allmählich fange ich an, die Menschen hier sehr ins Herz zu schließen. Alle sind so herzlich. Es leben viele Kinder hier und sehr viele junge Männer im Alter meines Sohnes.

Hausaufgaben
Foto: Andrea Koltermann

Ich bin mir sicher, dass viele der jungen Männer in Deutschland eine Arbeit finden würden, wenn sie ein Visum hätten. Sie sind alle sehr freundlich, motiviert, haben Zukunftspläne, aber derzeit kaum eine Chance ihrer Situation zu entkommen.

Die großen Unterschiede zwischen den jungen Menschen hier und meinen eigenen Kindern ist, dass meine in Deutschland eine sichere Kindheit hatten und jetzt ihren Lebensweg selbst bestimmen können.

Sibirische Winde sorgen für eiskalte Winter in Griechenland. Unzählige neu auf den Inseln ankommende Flüchtlinge brauchen dringend warme Decken. Bereits 1000 Decken konnten diesen Herbst schon durch Spenden auf folgendes Konto gekauft werden:

 https://www.facebook.com/donate/1959933580764422/10217188784373006/

Nea Kavala, Tag zwei, Freitag, 10. August 2018

Mein Terminplan heute:

Treffen aller freiwilligen Helfer
Wäscherei
Gemeinschaftsraum/Sport

 Im Team-Meeting heute Morgen besprechen wir das Vorgehen bei eventuellen Notfällen. Unsere Sicherheit hat immer oberste Priorität, selbst wenn das bedeuten würde, dass Gegenstände oder sogar Gebäude zerstört werden könnten.

Community Space
Foto: Isabel Sevé

Bei Konflikten zwischen Bewohnern mischen wir uns niemals ein.

Volunteers sind immer zu zweit an ihren Einsatzorten und via Facebook-Chat mit der ganzen Gruppe in Kontakt, sodass jeder immer weiß, wo sich alle anderen gerade befinden. Polizei und Militär sind rund um die Uhr vor Ort und falls wirklich einmal etwas passieren sollte, würden wir sofort evakuiert werden.

Diese Vorsichtsmaßnahmen scheinen fast schon ein wenig übertrieben, schließlich wirkt hier alles eher ruhig und friedlich, aber so fühlen wir uns auf jeden Fall sehr sicher.

Nach dem Meeting habe ich wieder Dienst in der Wäscherei. Dies ist ebenfalls ein guter Ort der Kommunikation. Oft setzen sich Leute zu uns, weil sie Zeit haben und ein bisschen Unterhaltung suchen.

Laundry Socialising
Foto: Andrea Koltermann

Außer Niederländisch und Deutsch spreche ich mittelmäßiges Englisch und Französisch, aber das sprechen viele der Flüchtlinge nicht. Mir wird wieder einmal bewusst, wie wichtig es ist, eine gemeinsame Sprache zu sprechen, wenn man verstanden werden will. Arabisch kann ich leider gar nicht, zum Glück aber immer noch fließend Logopädisch. Das ist eine Sprache, bei der man ohne nachzudenken alles, was an Händen und Füßen, Gestik und Mimik zur Verfügung steht, einsetzt und die jeder versteht. Man braucht noch nicht einmal Mund und Ohren dafür. Meine Kolleginnen im Camp und auch die Flüchtlinge amüsieren sich köstlich darüber.

Doch nicht immer geht es nur um Zeitvertreib und Smalltalk.

Eine junge, fließend Deutsch sprechende Frau bittet uns um Hilfe für ihren Mann. Obwohl er kein Flüchtling sei, sondern mit ihr gemeinsam in Deutschland wohne und dort auch arbeite, sei er von der Polizei nach Nea Kavala gebracht worden. Nach einem Unfall auf der Rückreise aus der Türkei habe er schwere Verletzungen und offene Brandwunden. So sei er nicht reisefähig und sein Visum für die Wiedereinreise nach Deutschland müsse er persönlich in der mehr als 530 km entfernten deutschen Botschaft in Athen beantragen. Im Krankenhaus habe man ihn wieder weg geschickt, weil er weder einen griechischen Pass noch eine Aufenthaltsberechtigung vorweisen konnte.

Seine Frau bittet uns darum, seine Bettlaken mit 90 Grad waschen zu dürfen statt mit dem sonst üblichen 40 Grad Buntwaschprogramm, was wir in diesem Fall natürlich sofort einplanen können.

Eine gemeinsame Sprache verbindet!

Das junge Paar hat Glück, dass es im Camp eine ehrenamtlich arbeitende ehemalige Lehrerin gibt, die sich unentgeltlich um Menschen in besonderen Situationen kümmert. Nach einer erklärenden E-Mail an die Deutsche Botschaft heißt es jetzt erst mal abwarten. Ich hoffe für den jungen Mann, dass er auch ohne ärztliche Hilfe durchkommen wird. Besuchen darf ich ihn persönlich nicht.

Irgendwie fühle ich mich den beiden seltsam verbunden, obwohl ich sie gar nicht kenne. Vermutlich, weil sie in Deutschland leben und wir dieselbe Sprache sprechen.

Basteln und Malen
Foto: Andrea Koltermann

Am Nachmittag arbeite ich im Gemeinschaftsraum. Auf dem Programm stehen Gesellschaftsspiele und Basteln für Kinder und am späteren Nachmittag Sport für die Erwachsenen.

Ich erschrecke, wie schwer es für die Kinder ist, sich auf ein Kartenspiel zu konzentrieren. Auch das Spielen mit Bausteinen ist für viele schwer auszuhalten, obwohl sie nicht ungeschickt sind. Mir wird bewusst, dass diese Kinder in den letzten Jahren statt spielen zu lernen Krieg erlebt haben. Da gab es sicherlich keine Kartenspiele und vermutlich hätte niemand die Ruhe gehabt, ihnen so etwas beizubringen.

Baby malt
Foto: Andrea Koltermann

Überrascht hat mich hingegen ein kleines einjähriges Mädchen. Ein Junge setzt mir die Kleine einfach auf den Tisch, auf dem wir gerade Masken basteln. Das Mädchen malt mit einer Stifthaltung, die für einen fünfjährigen lobenswert gewesen wäre, ganz konzentriert große Kreise auf das Papier.

Jetzt ist meine Konzentration gefragt. Eigentlich wollte ich ja aufpassen, dass die Aufkleber, mit denen die Masken verziert werden sollten, als erst als Belohnung fürs Basteln herausgegeben werden. Zu spät, die Alibabas, wie die Jungen sich gerne nennen, haben diese schon stibitzt.

Vier Alibabas und die Aufkleber
Foto: Andrea Koltermann
Tanzen vor dem Drop Shop
Foto: Andrea Koltermann

Abendstimmung in Nea Kavala. Flüchtlinge und Volunteers tanzen vor dem Drop Shop.